Zürich gilt nicht gerade als Eldorado für Velofahrerinnen und Velofahrer. Doch dank der Route einer einheimischen Allwetter-Radlerin und den ausgewählten, meist modularen Bauten wird diese Tour auch für Zürich-Skeptiker ein Genuss.

Provisorium Universitätsspital von Hemmi Fayet.

Bild: Hemmi Fayet

Züri-Modular von Bauart.

Bild: Rasmus Norlander

Wir starten am Bahnhof Stadelhofen, von wo aus man in wenigen Schritten das Bellevue erreicht und sich dort ein Publibike schnappen kann. Die Fahrt entlang des Velowegs am Utoquai führt uns am bunten Pavillon von Fuhrimann Haechler vorbei – kein modularer Bau, aber trotzdem eine Kaffeepause wert. Die mit farbigem Isolationsglas verkleidete Stahlkonstruktion unter hohen Bäumen wirkt mal mehr, mal weniger transparent und verwandelt sich nachts in ein leuchtendes Juwel.

Ein zweiter Pavillon findet sich etwas weiter dem See entlang und links in die Höschgasse einbiegend – auch nicht modular, dafür Modulor: Le Corbusiers einziger Zürcher Bau, zudem sein letzter und der einzige aus Stahl und Glas. Einmalig in Le Corbusiers Œuvre ist auch seine Konstruktion aus einem modularen tragenden Gerippe aus verschraubten Stahlprofilen. Der Bau wurde 50 Jahre nach seiner Erbauung sorgfältig saniert und ist heute als Ausstellungsraum der Stadt Zürich öffentlich zugänglich.

Nun gilt es etwas in die Pedalen zu treten: Via Höschgasse, Mühlebachstrasse und Ottenweg erreichen wir den Kreuzplatz, wo etwas versteckt ein typischer Variel-Pavillon von Fritz Stucky liegt. Der Zuger Architekt war mit seinem Beton-Fertigteilsystem in den 1950er-Jahren unternehmerisch sehr erfolgreich, legte aber auch Wert auf architektonische Qualität.

Weiter geht’s vom Zeltweg via Merkur- und Minervastrasse durchs malerische Hottinger Quartier, vorbei an der Kantonsschule Hottingen, die 1947–1949 von Adolf Carl Müller als Töchterschule für die Stadt Zürich gebaut wurde. Der Bau erfüllt die wichtigsten Prinzipien des modernen Schulbaus, wie Vertreter des Neuen Bauens sie in den 1920er-Jahren propagiert hatten und die nach dem kriegsbedingten Baustopp wieder aufgenommen wurden.

Über die Steinwies- und die Freiestrasse erreichen wir auf ungefährlichen Wegen und mit fast unmerklicher Steigung den Park des Universitätsspitals Zürich, wo Hemmi Fayet ein Provisorium hingestellt haben, das als Rochadefläche während der Gesamterneuerung dient. Der Neubau Süd umfasst eine Geschossfläche von rund drei Fussballfeldern, ein Volumen von etwa 60 Einfamilienhäusern und ist auf eine 20-jährige Nutzung angelegt.

Wen es nicht reut, zwischendurch ein paar Höhenmeter zu verlieren, saust in flotter Fahrt runter zur Tramstation Haldenegg: Dort hat das Container-Restaurant «Kleine Freiheit» einen vorher kaum genutzten, unscheinbaren Kleinpark in einen beliebten Treffpunkt verwandelt.

Frisch gestärkt geht es nun stetig aufwärts zur Schule Milchbuck, wo ein bereits bestehender, zweigeschossiger Züri-Modular-Pavillon um ein Geschoss mit zwei zusätzlichen Klassenzimmern erweitert wurde. Nach diesem Bergsprint lockt am nahen Bucheggplatz wiederum ein Container mit Erfrischungen. Beim kühlen Drink unter der roten Spinne von Werner Stücheli aus den 1970er-Jahren gilt es zu überlegen, auf welcher der beiden Routenvarianten es weitergehen soll.

Zur Gartensiedlung Furttal in Zürich-Affoltern? Wer dahin will und nicht gerne auf stark befahrenen Strassen radelt, stellt das Publibike am Bucheggplatz ab und erreicht mit dem 32er-Bus in nur 20 Minuten die Gartensiedlung.

Wer sich hingegen für eine Schussfahrt und weitere Bauten im Limmattal entscheidet, erreicht auf Nebenstrassen (Rötel-, Scheffel-, Dammstrasse, Dammweg, Viaduktstrasse) den aus Schiffscontainer bestehenden Freitag-Turm und entlang der Pfingstweidstrasse am Toni-Areal vorbei die bunten modularen Wohnpavillons, die das Baubüro in situ für die Asylorganisation AOZ entwickelte. Gleich daneben stehen die 135 Büroboxen des Basislagers, ebenfalls von in situ, die Swiss Life an Kunst- und Kulturschaffende vermietet und 2012 von der Binz hertransportieren liess. Nur einen halben Kilometer weiter bieten zwei Gebäudekomplexe aus Modulbauten in der Siedlung Fogo Flüchtlingen und Studierenden Raum zum Wohnen.

Wer für heute genug gesehen hat oder geradelt ist, stellt am Vulkanplatz, auf der Rückseite des Bahnhofs Altstetten, sein Publibike hin und reist mit der S-Bahn zurück zum Ausgangspunkt der Reise. Wer seine Architekturschaulust noch nicht gestillt hat, findet ennet des Bahnhofs auf fast schnurgerader Route und innert zehn Minuten die Siedlung Freilager, wo drei sechsgeschossige Langhäuser aus vorgefertigten Elementen Holzbaugeschichte schrieben. In der Brasserie Freilager, die eine kleine, feine Karte mit Wein und Fleisch von Dieter Meier feilbietet, lässt sich der Tag standesgemäss ausklingen.

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Temporäre Wohnsiedlung und Basislager von baubüro in situ.

Bild: Baubüro In Situ

Längsbauten Freilager von Rolf Mühlethaler.

Bild: Alexander Gempeler

Informationen zur Tour

Anreise: mit S-Bahn bis Zürich-Stadelhofen
Rückreise: mit S-Bahn ab Zürich-Altstetten
Route: Pavillon Hafen Riesbach – Le-Corbusier-Pavillon – Variel-Pavillon am Kreuzplatz – Provisorium Universitätsspital Zürich – Container-Restaurant «Kleine Freiheit», Haldenegg – aufgestockter Züri-Modular-Pavillon, Schulanlage Milchbuck – Container-Restaurant «Kumo6», Bucheggplatz  – entweder (Variante 1): Gartensiedlung Furttal von Claude Schelling – oder (Variante 2): Temporäre Wohnsiedlung und Basislager, beide von in situ, Aargauerstrasse 14–94 – Wohnsiedlung Fogo, Vulkanplatz – Freilager, Zürich-Albisrieden

Tipp: Wer weitere Bauten am Wegrand kennenlernen möchte, dem sei der «Architekturführer Zürich. Gebäude – Freiraum – Infrastruktur» empfohlen, den Werner Huber soeben in der Edition Hochparterre herausgegeben hat. Er eignet sich mit seinen 800 Seiten allerdings nicht fürs Handgepäck, eher für die Tourenvorbereitung zu Hause.

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