Was kann das Züri-Modul? Wo liegen seine Grenzen? Ein Gespräch mit Peter Ess, dem ehemaligen Zürcher Stadtbaumeister.

Interview: Marcel Bächtiger

Bild: Susanne Völlm

Peter Ess, die Entwicklung eines Schulpavillons für die Stadt Zürich fällt in den Beginn Ihrer Amtszeit als Direktor Amt für Hochbauten. Was war der Auslöser? 

PE: Als ich 1997 mein Amt antrat, wurde neben dem Schulhaus Aemtler gerade einer der damals üblichen Condecta-Pavillons aufgestellt: ein Baustellencontainer mit kleinen Fenstern. Das war in meiner Nachbarschaft und ärgerte mich schrecklich. Früher gab es in Zürich noch gute Provisorien, etwa die Pavillons von Stadtbaumeister Steiner aus den Vierzigerjahren, die unterdessen unter Denkmalschutz stehen, oder die Variel-Pavillons im Vorfabrikationssystem, die etwas später dazukamen. Aber diese Tradition verkümmerte, übrig blieb der schnell bestellbare Container. Natürlich: Wenn man ein Provisorium braucht, drängt die Zeit. Wer ein qualitätsvolles Provisorium will, muss vorausdenken. Eine meiner ersten Amtshandlungen war, ein Team für die Schulraumprovisorien einzusetzen.

Bei einem Stadtbaumeistertreffen in Thun sahen wir im Sommer 1997 einen frisch erstellten Kindergartenpavillon, den Bauart Architekten im Modulbau entwickelt hatten. Diese Idee wollte ich weiterverfolgen, und so begannen wir, mit Bauart an einem neuen Schulpavillon für Zürich herumzudenken. Ende Jahr kam prompt eine Bestellung der Schule, sie bräuchten dringend Provisorien. Und plötzlich wurde es knapp. Das Modulsystem von Thun wurde in Rekordzeit überarbeitet und nach unseren Bedürfnissen weiterentwickelt. Pünktlich zu Schulbeginn waren die ersten Züri-Modular-Pavillons bezugsbereit.

Was zeichnete den neuen Schulpavillon aus?

PE: Die Raumansprüche waren recht klar: Wir wollten neben den Schulzimmern einen attraktiven Eingangsraum, ein Lehrerzimmer, einen Materialraum. Wir wollten aber auch grössere Fenster, eine schöne Materialisierung, eine gute Lichtführung. Züri-Modular hat all das. Der Pavillon ist wie ein gut gestyltes Auto: ein in sich schlüssiges, attraktives Stück Architektur. Wichtig war uns, dass die Pavillons energetisch à jour waren, also gut isoliert und mit angenehmem Raumklima. Bauökologie und Nachhaltigkeit waren Themen, bei denen wir eine Pionierrolle einnahmen.

Ein Bauart-Pavillon war aber auch teurer als ein Baucontainer von Condecta.

PE: Die Kosten gaben im Vorfeld natürlich zu reden. Die geplanten Pavillons waren etwa 25 Prozent teurer als ein Condecta-Container. Es gab Widerstand, vor allem von bürgerlicher Seite. In der vorbereitenden Gemeinderatskommission fragte ich in die Runde, wer wo in die Schule gegangen sei. Da gerieten die Kommissionsmitglieder ins Erzählen, lauter nostalgische Erinnerungen an die Schulräume der Kindheit kamen hoch. Als sie fertig waren, sagte ich: Seht ihr, genau darum geht es. Die räumlichen Erfahrungen in euren Schulen gehen euch nicht mehr aus dem Kopf. Es könne darum nicht sein, dass man ein Kind für seine gesamte Schulzeit in einen trostlosen Container stecke. Die Kommission hiess das Geschäft gut.

Und wie fielen schliesslich die Reaktionen auf die ersten fertiggestellte Züri-Modular-Pavillons aus?

PE: Bei der Lehrerschaft kamen sie unglaublich gut an, vom ersten Tag an. Vorher hatte die Frage immer gelautet: Wer muss ins Provisorium? Man war sozusagen strafversetzt, abgehängt vom Schulbetrieb, eingezwängt in einen stieren Schulraum. Das änderte sich mit dem Züri-Modular. Lehrerinnen und Schulkinder fanden die Pavillons lässig, wie ein schönes Zelt. Das Image war gut, auch weil die Pavillons in der Fachpresse sofort gelobt wurden. Sie haben tatsächlich etwas Zeitloses, sie gefallen mir, immer noch.

Es sind auch noch alle in Betrieb.

PE: Natürlich. Wir haben keinen Einzigen entsorgen müssen. Die Pavillons sind auf zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre ausgelegt, aber wir waren schon damals überzeugt, dass sie länger bestehen und irgendwann unter Denkmalschutz kommen würden – das wird auch passieren. Finanziell hat sich Züri-Modular also schon längst ausbezahlt. Die Erfolgsgeschichte hatte aber auch eine Kehrseite: Gewisse Politiker fanden plötzlich, dass man statt richtigen Schulhäusern einfach Pavillons bauen sollte, weil sie günstiger seien. Das stimmt so aber nicht. Die Lebensdauer ist im Vergleich doch beschränkt und der Landbedarf wegen der tiefen Geschossigkeit viel grösser. Auf längere Dauer sind Provisorien nie besonders günstig, sie sind nur schnell verfügbar. Auch auf der gesellschaftlichen Ebene kann der Pavillon das Schulhaus nicht ersetzen. Als öffentlicher Kristallisationspunkt in einem Quartier taugt nur ein richtiges Schulhaus mit grossen öffentlichen Räumen. Man sollte also nicht auf Pavillons vertrauen, sondern Schulraum langfristig planen.

Wichtig war uns, dass die Pavillons energetisch à jour waren, also gut isoliert und mit angenehmem Raumklima. Bauökologie und Nachhaltigkeit waren Themen, bei denen wir eine Pionierrolle einnahmen.

Peter Ess

Bild: Susanne Völlm


Pünktlich zu Schulbeginn waren die ersten Züri-Modular-Pavillons bezugsbereit.

Züri-Modular Stirnfassade

Bilder: Rasmus Norlander

Züri-Modular

In der Stadt Zürich hat sich in den letzten Jahren ein sehr schnell wechselnder Bedarf an Schulungs-, Kindergarten-, und Horträumen ergeben. Züri-Modular Pavillons der zweiten Generation haben gesteigerte Anforderungen zu erfüllen: Sie entsprechen dem Minergiestandard und bieten 10 Prozent mehr Fläche (zehn statt neun Module pro Geschoss). Zurzeit hat die Stadt Zürich 30 Züri-Modular-Pavillons im Einsatz. Die grossen Vorteile dieser Pavillons sind die gegenüber einem Neubau kürzere Realisierungszeit, die tieferen Kosten sowie die Wiederverwendbarkeit.

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1 Kommentar

  1. Urech Michael

    Interessant der Beitrag. In den einen Städten geht so etwas, in anderen nicht. Die architektonische Qualität ist beeindruckend.

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