Zwischen Zeilenbauten aus den 1950ern sind in Karlsruhe auf Garagendächern neue Wohnungen entstanden. Das preisgekrönte Projekt nutzt innerstädtische Flächenreserven, ohne zusätzlichen Boden zu versiegeln, und ist kreislauffähig.

Bilder: 1, 3: Stephan Baumann FSA 2, 4: Volkswohnung Chiara Bellamoli

Grau gezackte Dachlandschaften ziehen sich seit drei Jahren durchs Rintheimer Feld in Karlsruhe. Die Metalldächer der eingeschossigen Aufstockung nehmen die Neigung der umgebenden Bestandsbauten aus den 1950ern auf und heben sich mit ihrer Materialisierung gleichzeitig davon ab. Zum Bestand gehört auch ihr weisser Sockel mit Garagentoren.

Rasch umgesetzt und rückbaubar
Wie sich mit Nachverdichtung einfach Wohnraum schaffen lässt, galt es in einem Ideenwettbewerb der Stadt Karlsruhe von 2017 zu beantworten. Die ebenso simple wie verblüffende Antwort des Architekten Falk Schneemann: eingeschossige, freistehende Garagen mit Wohnraum aufstocken. Denn diese Gebäudetypologie ist in deutschen Städten weit verbreitet. Sie wurde, um der idealen Autostadt der 1960er-Jahre gerecht zu werden, meist zwischen Wohnzeilen gesetzt.

Ein Abriss der Garagen zugunsten höherer Neubauten stand nie zur Debatte. «Es ging beim Wettbewerb um einen Impuls, um rasch – ohne neuen Bebauungsplan – zusätzlichen Wohnraum zu schaffen», sagt Falk Schneemann. Damit einher geht auch die Idee der Versetzbarkeit. «Man könnte die Aufstockung demontieren und die Elemente andernorts wiederverwenden, sollte ein neuer Bebauungsplan kommen», so der Architekt.

Vorgefertigt und voll ausgerüstet
Der Volkswohnung GmbH, dem kommunalen Wohnungsunternehmen der Stadt Karlsruhe, gefiel das Projekt. Sie wollte untersuchen, wie es sich in ihrem Bestand anwenden lässt. Letztlich wurden die Nachkriegszeitsiedlung Rintheimer Feld für die Umsetzung ausgewählt. Auf die drei L-förmigen Garagenzeilen, die in Betrieb bleiben, wurde ein Geschoss aufgestockt. So entstanden zwölf neue Wohnungen mit insgesamt 535 Quadratmetern Fläche. Sie sind über eine aussenliegende Treppe und einen Laubengang erschlossen. 

Die in Holzelementbauweise errichteten Aufstockungen sitzen auf einem Stahlträgerrost, der wiederum auf Stahlfüssen auf den Pultdächern der Garagen steht. Die Boden-, Wand- und Dachelemente wurden vorgefertigt und bereits im Werk mit Fenstern, Sonnenschutz und Elektroinstallationen ausgerüstet. Die Badzimmer wurden als fixfertige Module eingesetzt. «Wir haben auch darüber nachgedacht, die Aufstockung komplett in Modulbauweise auszuführen», sagt Falk Schneemann. Da es aber mit den Abmessungen der Garagen nicht passte, wurde diese Idee letztlich verworfen. 

In den Wohnungen sind die Küchen und Sanitärbereiche gezielt in den Randzonen mit der tiefsten Raumhöhe platziert, damit die Wohnbereiche von der maximalen Raumhöhe profitieren. So vermitteln auch die Einzimmerwohnungen mit knapp 40 Quadratmetern ein grosszügiges Wohngefühl.

Kreislaufdenken und Urban Mining
Um Rückbau und Weiterverwendung der Bauteile zu ermöglichen, galt es die Materialien möglichst sortenrein und ohne Verklebung einzusetzen. Für die Konstruktion wurde deshalb Vollholz verwendet, die Wandelemente kommen ohne Folie aus und sind mit einer Hanfdämmung versehen, die Fassade aus Titanzink ist unlackiert. Zudem wollte die Bauherrschaft, mit rund 13 500 Wohneinheiten die grösste Vermieterin in Karlsruhe, erste Erfahrung mit Urban Mining sammeln. Sie liess dazu Holzböden, Türen und Briefkästen aus einem Abrissgebäude ausbauen, auffrischen und in den Garagenaufstockungen einbauen. Falk Schneemann, Mitherausgeber der Publikation «Sortenrein Bauen», freut sich, dass aus einem gewonnenen Ideenwettbewerb ein Reallabor des kreislaufgerechten Bauens entstanden ist. «Ich hoffe, damit Impulse für Bauwende und Baukultur geben zu können.»  

Pläne: Falk Schneemann Architektur

Projektinformationen

Garagenaufstockung, 2023
Heilbronner Strasse 5a, 9a und 13a, Karlsruhe
Bauherrschaft: Volkswohnung GmbH, Karlsruhe
Architektur: Falk Schneemann Architektur, Karlsruhe
Tragwerk: wh-p Ingenieure, Stuttgart
Bauphysik: Müller Ingenieure, Waldbronn
Beratung Kreislaufgerechtigkeit: Dirk Hebel, Professor für Entwerfen und Nachhaltiges Bauen, Karlsruher Institut für Technologie
Preise und Auszeichnungen (Auswahl): Deutscher Baupreis 2026, 1. Preis Kategorie kreislauffähiges Bauen; Ammodo Architecture Award 2024, Kategorie Social Engagement; Bundespreis UMWELT & BAUEN 2025, Finalist; Beispielhaft Bauen Karlsruhe 2018-2024, Auszeichnung; Holzbaupreis Baden-Württemberg 2024, Auszeichnung

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