Welche Ideen und Prämissen des Bauhauses prägen heute die Entwurfsarbeit von Architekten?

Patrick Blarer: Zuallererst: eine klare Formensprache, das Weglassen von Schmuck und die Konzentration auf das Einfache. Weiter kommen mir in den Sinn: freigeistige, innovative Lösungsansätze, luftige Räume und viel Transparenz, gutes Handwerk, perfekte Proportionen und künstlerischer Eigensinn. Aber auch fachübergreifendes Denken und Arbeiten, der Wille, gut zu gestalten, und letztlich der Wunsch, zeitlose Werke zu schaffen.  

Welche in Vergessenheit geratene Ideen der Bauhaus-Bewegung sollte man heute wieder aufnehmen?

PB: Man kann den damaligen Esprit nur erahnen. Der unbändige Wille, mit sorgfältiger Gestaltung Gutes für die Gesellschaft zu leisten und damit eine Revolution auszulösen, ist heute in diesem Ausmass wohl kaum mehr möglich. Aus meiner Sicht fehlt die damalige «Werkstatt» – die institutionalisierte direkte Zusammenarbeit zwischen Handwerkern und Künstlern. Der Bauhaus-Gedanke ist heute aber topaktuell: Wie können wir das künftige Wohnen ressourcenschonend gestalten? Wie können wir unsere Siedlungen qualitativ hochstehend verdichten?

Die Bauhaus-Bewegung wollte Kunst und Architektur miteinander verschmelzen. Ist diese Nähe heute noch da? Oder bewegen sich Künstlerinnen und Architekten eher in getrennten Welten? 

PB: Die Nähe ist auch heute noch ein wichtiges Thema. Das gegenseitige Inspirieren funktioniert sicherlich. Die bewusste Zusammenarbeit ist aber zu wenig institutionalisiert.

Das Bauhaus ist aber mehr als nur die Zusammenarbeit. Es hatte revolutionären Charakter. Die aktuelle Architektur und der heutige Städtebau sind es weniger. Man muss sich deshalb fragen: Sollten Architektinnen und Architekten wieder mehr zu Revolutionären werden, um anstehende Probleme zu lösen?

Dieser Gedanke ist verlockend, aber auch gefährlich. Eine Revolution wirft unweigerlich auch gute Errungenschaften über Bord. Und die heutige Zeit ist nicht vergleichbar mit der Nachkriegszeit. Ich würde mir eine Evolution in der Bildung wünschen. Gute Gestaltung und der Wert, der damit für die Gesellschaft geschaffen werden können, müssen wahrgenommen werden. Gute Gestaltung ist für unseren Geist so wichtig wie gesunde Nahrung für unseren Körper.

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Patrick Blarer
Architekt und Präsident SIA-Fachverein Architektur und Kultur

Gute Gestaltung ist für unseren Geist so wichtig wie gesunde Nahrung für unseren Körper.

Patrick Blarer

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