Seit Einführung der Schulpflicht vor rund 150 Jahren ist der Schulhausbau eine der wichtigsten architektonischen Disziplinen. Die Entwicklung hierzulande lässt sich in sechs Epochen gliedern und reicht von der Schulkaserne über die Freiluftschule bis zur individuellen Lösung von heute.

Die Geschichte des Schulhausbaus in der Schweiz ist eng verbunden mit den gesellschaftlichen, politischen und pädagogischen Strömungen der jeweiligen Epoche. Viele Schulhäuser widerspiegeln deshalb auch die didaktischen und architektonischen Ideale ihrer Bauzeit. Richtig in Fahrt geriet der Schulhausbau in der Schweiz erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts, als Kantone und Staat die Schulpflicht einführten. Architektonisch lassen sich die Bauten für die Schweizer Volksschule grob in sechs Epochen gliedern.

Viele Schulhäuser widerspiegeln die didaktischen und architektonischen Ideale ihrer Zeit.

Epoche 1: Erste Hälfte des 19. Jahrhunderts – das Schulobligatorium

Erste Kantone führten bereits um 1830 eine Schulpflicht ein. Mit der Verankerung der Schulpflicht in der Bundesverfassung 1874 begann schweizweit der Aufbau des heutigen staatlichen Bildungswesens. Der Schulhausbau wurde zur wichtigsten öffentlichen Bauaufgabe. Innert kurzer Zeit musste Schulraum für Tausende Kinder geschaffen werden. In den Städten entstanden noch heute prägende repräsentative Schulbauten, die oft an Kasernen erinnern. In der Regel waren sie streng symmetrisch gegliedert, mit einem mittigen Treppenhaus und beidseits daran angegliederten Schulzimmern. Zwei separate Eingänge trennten die Bereiche für Mädchen und Knaben. Auf dem Land prägte der Typus des kleinen Schulhauses mit einem Klassenzimmer, Lehrerwohnung und einem Uhrturm die Epoche. Hier war aus Platz- und Ressourcengründen die Geschlechtertrennung meist kein Thema. Rasch entwickelten sich auch erste Typisierungen für Schulhausbauten, so etwa ab 1835 im Kanton Zürich.

Epoche 2: 1850–1900 – Gesundheit im Fokus

Ansteckende und meist im städtischen Raum grassierende Krankheiten, wie etwa die Tuberkulose, prägten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Architektur der Schulhäuser. Bei Klassengrössen von 50 oder 60 Kindern waren Schulzimmer prädestinierte Orte für die Krankheitsübertragung. Baulich begegnete man dem Problem mit grösseren und hohen Räumen sowie grossen Fenstern für die Lüftung. Wichtig waren die Fenster aber auch, weil die elektrischen Lampen, die erst seit 1890 im grösseren Stil verfügbar waren, noch wenig Lichtleistung hatten. Neu wurden die Schulhäuser nach Vorbildern aus Deutschland auch mit Turnhallen ergänzt, die erste entstand 1845 in Winterthur.

Epoche 3: 1900–1939 – Kritik und Reformpädagogik

Mit der Jahrhundertwende begann auch die Kritik an bisherigen Schulhausbauten. Vertreterinnen und Vertreter der Reformpädagogik forderten anstatt der Schulkasernen dem kindlichen Massstab angepasste Bauten. Gleichzeitig suchte man nach neuen Lösungen, um ansteckenden Krankheiten besser begegnen zu können. Die Antwort darauf waren Freiluft- und Pavillonschulen mit meist eingeschossigen Gebäuden, die auf grosszügigen Arealen locker verteilt wurden. Ein Vorläufer entstand beispielsweise 1914 oberhalb der Stadt Zürich. Die Forderungen der Reformpädagogik wurden 1933 in der Schweizer Erziehungsrundschau in einer Artikelreihe unter dem Titel «Das Kind und sein Schulhaus» verbreitet. Schon ab den 1920er-Jahren beeinflusste auch der Baustil der Moderne die Gestaltung der Schulen. Insbesondere die Ideen von Licht, Luft und Sonne passten bestens zur Reformpädagogik. Bekanntester Vertreter dieser Epoche ist die 1932 erstellte Ecole de plein air in Suresnes bei Paris von Eugène Beaudouin und Marcel Lods. Die Wirtschaftskrise und insbesondere der Zweite Weltkrieg setzten der Verbreitung des neuen Schultypus aber schnell ein Ende.

Epoche 4: Zweiter Weltkrieg bis 1970er-Jahre – die Babyboomer-Schulen

Die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit forderten auch den Schulhausbau, nicht zuletzt, weil die Schweiz erkannte, dass eine gute Bildung für ein Land ohne Rohstoffe im globalen Wettbewerb wichtig war. Die Schulhäuser erhielten vermehrt auch spezielle Räume, etwa für den Werk- oder Handarbeitsunterreicht. In raschem Takt entstanden vor allem in den Agglomerationen neue Schulhäuser. Architektonisch griff man oft auf die Ideen der Pavillonschulen aus der Vorkriegszeit zurück und realisierte in einem grosszügigen Grünraum locker verteilte Schulbauten mit meist nur zwei Geschossen. Wichtiger Ideengeber dieser Phase war unter anderem 1953 die Ausstellung «Das Schulhaus» im Kunstgewerbemuseum Zürich von Alfred Roth. Parallel dazu erschien auch eine Fachpublikation, die zahlreiche Beispiele zeitgemässer Schulhäuser – etwa aus Nordeuropa, zeigte. Ab den 1960er-Jahren hielten neue Lernmethoden Einzug, die sich wiederum baulich auswirkten – etwa durch die Abkehr vom reinen Frontalunterricht sowie die Reduktion der Klassengrössen. In den 1970er-Jahren fiel an den letzten Orten zudem die Geschlechtertrennung in den Schulen, so auch in der Stadt Zürich.

Epoche 5: 1975–2000 – beige, braun, orange, postmodern

In der Zeit nach der Ölkrise der frühen 1970er-Jahre wandelte sich der Schulhausbau. Die Ära der Pavillonschulen war vorbei, die Gebäude wurden höher und kompakter. Die Beige-, Brau- oder Orangetöne der 1980er-Jahre machten auch vor den Schulhäusern nicht halt. Ihnen folgten die mit viel Glas und Stahl ausgestatten Bauten der Postmoderne.

Epoche 6: Die 2000er-Jahre – Individualisierung und Systematisierung

Seit den 2000er-Jahren ist der Platz für Schulhausbauten aufgrund steigender Landkosten knapper geworden, während die Anforderungen bezüglich Energieverbrauch und Komfort wie auch der Raumbedarf stiegen. Neben Schulzimmern gehören heute eine Vielzahl von Klein- und Gruppenräumen zum Bedarf, ebenso Lernlandschaften. Dazu kommen veränderte Vorgaben des öffentlichen Beschaffungswesens. Zudem sind viele Städte und Dörfer aufgrund des Bevölkerungswachstum mit einem rasch ändernden Schulraumbedarf konfrontiert. Die Gemeinden gehen seither zwei Wege: Dort, wo rasch Schulraum bereitgestellt werden muss, kommen oft vorgefertigte Modulbauten zum Einsatz. Reicht die Zeit für ein klassisches Schulhaus, führt der Königsweg hingegen über einen Architekturwettbewerb. Dieser hat sich zu einer eigenen Disziplin entwickelt und führte in den letzten 25 Jahren zu einer Vielzahl an Schulbauten, die individuell auf die Bauaufgabe und den Ort reagieren. Bekannte Beispiele sind etwa das heute in Fachkreisen sehr umstrittene Schulhaus Leutschenbach in Zürich-Oerlikon von Christian Kerez mit der Turnhalle im obersten Geschoss oder das kürzlich fertiggestellte, kreisrunde Schulhaus von Ernst Niklaus Fausch Partner in Stalden SO.

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