Grossvolumige Wohnbauten aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägen viele Stadtlandschaften Europas – sie stehen für industrialisierte Bauweise, soziale Vielfalt und den Anspruch einer schnellen Wohnraumschaffung. Doch viele dieser Grosssiedlungen sind heute technisch veraltet: energetisch ineffizient, materialermüdet, in Teilen auch städtebaulich aus der Zeit gefallen.
Grosssiedlungen aus den 1960er- und 1970er-Jahren sind wichtige Zeitzeugen einer Epoche, in der Wohnungsbau als gesellschaftliches Projekt verstanden wurde – und damit Teil unseres gebauten Erbes. Die Sanierung dieser Gebäude ist deshalb eine wichtige Aufgabe für die Architektur- und Bauwelt des 21. Jahrhunderts – immer mit dem Ziel, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Inklusion und städtebauliche Qualitäten miteinander zu verbinden. Modulart stellt mit den Siedlungen Le Lignon, Telli, Tscharnergut und Ossietzky-Hof vier Sanierungen vor, die zeigen, wie dieser Transformationsprozess gelingen kann.
Le Lignon, Genf: Langfristige Erneuerung mit Respekt vor Identität
Bilder: Paola Corsini
Le Lignon gilt als das grösste Wohnbauprojekt der Schweiz mit mehr als 2780 Wohnungen und rund 7000 Bewohnerinnen und Bewohnern. Zwischen 1963 und 1971 entstanden die enormen in linearer Abfolge gestaffelten Baukörper, die mit Schule, Einkaufsmöglichkeiten und Dienstleistungen wie ein eigener Stadtteil funktionieren.
Eine der grössten Herausforderungen für die Sanierung des Ensembles: seine zahlreichen verschiedenen Eigentümerinnen und Eigentümer mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen, Kostenvorstellungen sowie Terminplänen. Um einerseits die architektonische Erscheinung zu sichern und andererseits den Aufwand bei Planung und Bürokratie für alle Sanierungswilligen zu verringern, entwarf das Architekturbüro eine Strategie für eine schrittweise Sanierung des Gebäudes. Dazu entwickelten sie im Austausch mit den Behörden einen Detailkatalog und eine Rahmen-Baubewilligung. So kann der Kanton schnell eine Baufreigabe erteilen, wenn ein vorgelegtes Sanierungsvorhaben den Vorgaben des Detailkatalogs entspricht. Zeitpunkt, Planungsbüro und Bauunternehmen wählt die Bauherrschaft selbst.
2012 wurde zunächst ein Prototyp, das Haus 49, saniert. Anschliessend folgten 35 Abschnitte des Wohnbandes sowie das Hochhaus mit den Mietwohnungen.
Die Sanierung legt den Fokus auf Erhalt und qualitative Erneuerung statt radikaler Umgestaltung: Die ursprüngliche Fassade aus Aluminium- und Holzelementen wird behutsam instandgesetzt, die inneren Bauhüllen erneuert, technische Systeme für Heizung und Klima auf einen modernen Stand gebracht. Dabei bleibt die architektonische Identität des Ensembles erhalten – zentral für die Denkmalpflege und die Quartiersidentität.
Fazit: Der Bestand wird nicht nur respektiert, sondern strukturell, technisch und organisatorisch neu gedacht. Le Lignon zeigt, dass nachhaltige Revitalisierung mehr ist als energetische Optimierung: Sie ist ein Zusammenspiel aus architektonischer Haltung, koordiniertem Prozessdesign und langfristiger Verantwortung. Ein Modellfall dafür, wie Grossstrukturen der Nachkriegsmoderne zukunftsfähig transformiert werden können – ohne ihren Charakter preiszugeben.
Cité du Lignon, Vernier/Genf (GE)
Baujahr: 1963–1971
Bauherrschaft Erstellung: private Immobiliengesellschaften (u.a. SI du Lignon)
Bauherrschaft aktuell: im Besitz zahlreicher institutioneller Eigentümer und Miteigentümergemeinschaften
Architektur/Städtebau: Georges Addor, Dominique Julliard, Jacques Bolliger, Louis Payot
Architekturkonzept Sanierung: Jaccaud Spicher Architectes Associés, Genf
Sanierung: seit 2012, etappenweise, bewohnt
Schwerpunkte Sanierung: Fassadeninstandsetzung (Aluminium/Holz), energetische Erneuerung der Gebäudehülle, Ersatz der Haustechnik, Verbesserung Brandschutz
Besonderheit: Im ISOS als Objekt von nationaler Bedeutung eingestuft; Sanierung mit starkem denkmalpflegerischem Fokus.
Telli, Aarau: Energetische und brandschutztechnische Sanierung im grossen Stil
Fotos: Fabian Schwarz / Karin Gauch
In Aarau wurde mit der Sanierung der Telli-Siedlung ein echtes Generationenprojekt umgesetzt. Die vier markanten, terrassierten Hochhäuser aus den 1970er-Jahren – damals in innovativer Elementbauweise erstellt – wurden umfassend energetisch und brandschutztechnisch auf den neuesten Stand gebracht.
Ziel war es, die Bausubstanz fit für die Zukunft zu machen: bessere Dämmwerte, optimierte Haustechnik, deutlich höherer Brandschutz und eine nachhaltige Reduktion des Energieverbrauchs. Gleichzeitig wurden die Gebäude auch erdbebensicher ertüchtigt. Ergänzend dazu erhielten die Tiefgaragen eine gründliche Erneuerung.
Besonders anspruchsvoll: Die Sanierung erfolgte im bewohnten Zustand. Die Mieterinnen und Mieter konnten während der gesamten Bauzeit in ihren Wohnungen bleiben. Das verlangte nicht nur eine präzise Bauplanung, sondern auch viel Fingerspitzengefühl. Lärm- und Ruhezeiten mussten konsequent eingehalten, Bauetappen klar kommuniziert und Abläufe exakt koordiniert werden. Neben der bautechnischen Leistung spielte deshalb auch die Organisation und Kommunikation eine zentrale Rolle.
Fazit: Die Sanierung der Telli zeigt eindrücklich, wie Grosssiedlungen aus den 1970er-Jahren technisch, energetisch und sicherheitstechnisch zukunftsfähig gemacht werden können – selbst im laufenden Betrieb. Das Projekt gilt heute als Modell für nachhaltige Quartiersentwicklung im Bestand. Statt Rückbau setzte man auf weiterbauen, optimieren und aufwerten – ökologisch sinnvoll und sozial verträglich zugleich.
Telli, Aarau (AG)
Baujahr: 1971–1974
Bauherrschaft: private und institutionelle Bauträger (u. a. Aare-Telli AG)
Architektur: Hans Marti (H. Marti + K. Kamm Architekten, Aarau)
Architektur Sanierung: Meili, Peter & Partner Architekten, Zürich
Sanierung: ab ca. 2014, etappiert, bewohnt
Schwerpunkte Sanierung: energetische Fassadensanierung, Brandschutzertüchtigung, Erdbebenertüchtigung, Tiefgaragen- und Haustechnikerneuerung
Besonderheit: Durchführung im bewohnten Zustand mit komplexer Bauorganisation; Koordination zwischen Eigentümerschaften.
Tscharnergut in Bern: Ausgangslage und Sanierungsdiskurs
In Bern wurden die Gebäude des Tscharnerguts behutsam erneuert – technisch modern, städtebaulich vertraut.
Foto: Valérie Chételat
Das Tscharnergut im Westen von Bern ist eine genossenschaftlich geprägte Grosssiedlung. Die Gebäude zeichnen sich durch eine robuste Betontragstruktur sowie standardisierte Grundrisse und klar gegliederte Fassaden aus, die eine rationelle Bauweise erlaubten.
Seit den 2000er-Jahren wurde die Siedlung etappiert und im bewohnten Zustand saniert, getragen von einzelnen Wohnbaugenossenschaften (z.B. Fambau).
Typische Massnahmen waren:
- Energetische Ertüchtigung der Gebäudehülle: Ersatz der Fenster, zusätzliche Dämmung, Instandsetzung der Betonfassaden unter Erhalt des Fassadenrasters.
- Haustechnik-Erneuerung: neue Heizsysteme, Leitungsersatz, Anpassung an aktuelle Energie- und Sicherheitsstandards.
- Grundrissanpassungen: teilweise Zusammenlegung kleiner Wohnungen, Modernisierung von Küchen und Bädern, Verbesserung der Hindernisfreiheit.
- Erschliessung und Aussenraum: Aufwertung der Eingangsbereiche, Liftanpassungen, Neugestaltung von Freiräumen und Spielflächen.
- Punktuelle Erweiterungen: bei einzelnen Hochhäusern Anbauten bzw. vorgelagerte Raumschichten zur Wohnflächenerweiterung und Verbesserung von Schall- und Erdbebenschutz.
Die Eingriffe erfolgten bewusst ohne grundlegende Veränderung der städtebaulichen Struktur. Der Abriss einzelner Bauten wurde diskutiert, blieb jedoch umstritten, da das Ensemble im Inventar geschützt ist und als bedeutendes Zeugnis des Nachkriegsstädtebaus gilt.
Fazit: Im Tscharnergut überzeugt die Strategie der schrittweisen, substanzschonenden Erneuerung: technisch umfassend, sozial verträglich organisiert und gestalterisch am Bestand orientiert. Die Sanierung ist hier kein radikaler Umbau, sondern ein langfristiger Transformationsprozess, der die vorhandene Bauweise respektiert.
Tscharnergut, Bern (BE)
Baujahr: 1958–1966
Bauherrschaft: Wohnbaugenossenschaften (u.a. Fambau, Brünnen-Eichholz u.a.)
Architektur: Hans Hubacher (Gesamtplanung)
Hans und Gret Reinhard, Lienhard Strasser, Eduard Helfer, Werner Kormann, Ernst Indermühle
Architektur Sanierung: Rolf Mühlethaler, Matti Ragaz Hitz Architekten AG
Sanierung: seit den 2000er-Jahren, etappiert
Schwerpunkte Sanierung: energetische Ertüchtigung, Grundrissanpassungen, Aufwertung Aussenräume, punktuelle Erweiterungen
Besonderheit: Denkmalpflegerisch geschützt (kantonales Inventar, ISOS); exemplarisch für den Diskurs um Erhalt vs. Ersatzneubau.
Ossietzky-Hof, Nordhausen (DE): Modellprojekt mit klimagerechter Sanierung
Am Ossietzky-Hof zeigt sich: Auch ein DDR-Plattenbau lässt sich modern, nachhaltig und lebenswert transformieren.
Fotos: Thomas Müller
Der Ossietzky-Hof in Nordhausen ist ein Leuchtturmprojekt unter den aktuellen DDR-Plattenbau-Sanierungen: Die Gebäude aus der Wohnungsbauserie 70, einem industriell gefertigten Plattenbautyp mit vorgefertigten Stahlbetonelementen, wurden nicht nur energetisch ertüchtigt, sondern in ein nachhaltiges, sozial durchdachtes Gesamtquartier transformiert.
Das Konzept kombiniert Energieeffizienz, erneuerbare Energiequellen und quartierbezogene Versorgungssysteme. Die Fassaden wurden mit vorgestellten Beton- und Verglasungsmodulen erweitert, die nicht nur zusätzliche Wohnfläche schaffen, sondern als Klimapuffer auch zur Energieeinsparung beitragen.
Der Umbau wurde im bewohnten Zustand realisiert und war Teil der Internationalen Bauausstellung IBA Thüringen 2023, was seine Bedeutung als referenzwürdiges Modellprojekt in der Plattenbausanierung unterstreicht.
Fazit: Innovative Sanierungsstrategien können Plattenbauten in moderne, lebenswerte Quartiere transformieren.
Ossietzky-Hof, Nordhausen (DE)
Baujahr: 1980er-Jahre (Wohnungsbauserie 70, WBS 70)
Bauherrschaft: Staatliche Wohnungsbaukombinate der DDR (heute: Wohnungsunternehmen SWG Nordhausen)
Architektur/Typologie: Industrieller DDR-Plattenbautyp WBS 70 (standardisierte Stahlbeton-Grosstafelbauweise)
Sanierung: Architekturbüro Hütten & Paläste, Berlin
Sanierung/Transformation: 2019–2023
Schwerpunkte Sanierung: energetische Sanierung, Fassadenerweiterungen mit vorgestellten Modulen (Klimapuffer), erneuerbare Energien, quartiersbezogene Versorgung
Besonderheit: Modellprojekt für klimagerechte Transformation industrieller Wohnungsbauten.
Die Sanierung grossformatiger System- und Plattenbauten ist keine rein technische Massnahme, sondern eine Investitionen in nachhaltige Stadtentwicklung, sozial verträgliches Wohnen und eine langlebige Architektur.
Ganzheitliche Sanierung: Mehr als nur Technik
Die vorgestellten Projekte machen klar, dass es bei der Sanierung grossformatiger System- und Plattenbauten um mehr geht, als Fassaden zu ersetzen oder die Haustechnik zu modernisieren. Es ist vielmehr ein interdisziplinärer Prozess, der architektonische, soziale, städtebauliche und ökologische Aspekte gleichermassen berücksichtigt. Solche Sanierungen sind keine rein technischen Massnahmen – sie sind Investitionen in nachhaltige Stadtentwicklung, sozial verträgliches Wohnen und eine langlebige, zukunftsfähige Architektur.
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