Nach Jahren, in denen viele neue Schulbauten entstanden sind, sinken die Schülerzahlen wieder. Sandra Mischke und Peter Störchli von der Abteilung Bauten der Bildungsdirektion des Kantons Zürich erklären, wie sich Schulraum heute vorausschauend und flexibel planen lässt – und welche Rolle modulare Bauten bei den kantonalen Berufs- und Kantonsschulen spielen.
Interview: Marion Elmer und Tamás Kiss
Bilder: Seraina Wirz
Modulart: Frau Mischke, Sie leiten seit acht Jahren die Abteilung Bauten der Bildungsdirektion des Kantons Zürich. Was hat sich in dieser Zeit verändert?
Sandra Mischke: Als ich meine derzeitige Stelle antrat, gab es viel weniger Standardisierung. Da haben wir in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht. Wir waren auch intensiv mit den Schulraumprovisorien beschäftigt, weil wir schnell mehr Schulraum bereitstellen mussten.
Modulart: Peter Störchli, Sie sind Teamleiter für die Schulen der Sekundarstufe II, also der Berufs- und Mittelschulen des Kantons Zürich. Was ist genau Ihr Fokus?
Peter Störchli: Wir eruieren, wie viel Schulraum wir brauchen. Diesen bestellen wir dann und entwickeln die Vorhaben zusammen mit der Baudirektion und den beauftragten Planern.
Modulart: Die Schülerzahlen entwickeln sich heute oft dynamischer als früher. Wie verändert das die Schulraumplanung?
Sandra Mischke: Die Bildungsdirektion erhält vom Bundesamt für Statistik Prognosen, regionalisiert sie und stellt dann Bedarfsprognosen für die Schulräume an. Davon ausgehend lösen wir, die Abteilung Bauten, Bestellungen aus.
In den letzten Jahren gab es aber viele kurzfristige Ereignisse, die man nicht vorhersehen konnte: der Ukraine-Krieg, Corona, die plötzlich tiefere Geburtenrate. Auch die Zuwanderung und die Binnenwanderung zwischen Kantonen können wir nicht mit Sicherheit voraussehen.
Schulräume werden heute nicht mehr explizit auf einen einzelnen Standort zugeschnitten, sondern flexibler nutzbar gemacht.
Peter Störchli, Teamleiter Schulen Sekundarstufe II, Bildungsdirektion Kanton Zürich
Modulart: Modulare Schulbauten galten lange als Provisorien. Hat sich diese Wahrnehmung verändert?
Sandra Mischke: Die sogenannten Provisorien sind eigentlich gar keine. Sie sind auf 30 Jahre ausgelegt und erfüllen die üblichen bautechnischen Anforderungen. Als 2018 die Kantonsschule Uetikon am See eröffnet wurde, nahmen die Schülerinnen und Schüler sie nicht als provisorisch wahr.
Peter Störchli: Generell planen und bauen wir heute bezüglich Raumprogramm und Richtlinien viel standardisierter. Die Schulräume werden weniger explizit auf einen einzelnen Standort zugeschnitten, sondern flexibler nutzbar gemacht. Bei Modulbauten ist die schnelle Produktion ein grosser Vorteil. Bei klassischen Bauvorhaben dauert es von der Idee zur Umsetzung mindestens zehn Jahre.
Wir haben aber auch einige «echte» Provisorien, die nachfragebedingt verlängert werden, auch wenn ihre Lebensdauer nie so lange gedacht war. Am Schluss stehen sie dann vielleicht 25 Jahre, aber wir müssen ständig Bauteile erneuern.
Modulart: Wie gelingt es, kurze Realisierungszeiten mit hohen architektonischen und pädagogischen Qualitätsansprüchen zu verbinden?
Sandra Mischke: Vor einigen Jahren hat der Regierungsrat uns beauftragt, Raumstandards für die Schulbauten der Zukunft zu entwickeln und Vereinfachungen in der Planungs- und Bauweise auszuarbeiten. Auf diese Weise konnten wir viele Defizite ausmerzen. Mittels Standardisierung wird der Planungsprozess kürzer. Bei den Provisorien für die Filiale Dübendorf der Kantonsschule Stadelhofen, die im August 2026 eröffnet wurde haben wir beispielsweise in der Planung und Realisierung erneut Zeit gespart.
Peter Störchli: Wir haben einen Rahmenvertrag mit dem Hersteller Blumer Lehmann. Die aktuellen Module sind bereits die dritte Generation. Erkenntnisse aus den vorherigen Generationen haben Anpassungen und Optimierungen ermöglicht.
Modulart: Die Module werden also laufend optimiert. In welchem Rahmen sind die Anpassungen?
Peter Störchli: Das sind eher kleinere Sachen, in der Produktion, aber auch bei den Materialien und Oberflächen. Bei der ersten Serie war den Planern die Farbe wichtiger als die betrieblichen Anforderungen. Das hat sich aber beispielsweise bei der Materialisierung der Nasszellen nicht bewährt. Die Oberflächen mussten nach kurzer Zeit nachgebessert werden; bei nachfolgenden Vorhaben wurde der betrieblichen Gebrauchstauglichkeit das nötige Gewicht beigemessen.
Modulart: Sind die Module infolge der wiederholten Ausführung günstiger geworden?
Peter Störchli: Nein, die Kosten sind gestiegen. Aufgrund ähnlicher Anforderungen sind Module zudem gar nicht so viel günstiger als normale Bauten. Es gibt eben auch eine grosse Nachfrage und nicht so viele Hersteller.
Sandra Mischke: Auch die Anforderungen sind gestiegen, zum Beispiel in den Bereichen Brandschutz, Energie oder Nachhaltigkeit.
Modulart: Welche Rolle spielen Rückbaubarkeit, Wiederverwendung und Kreislaufwirtschaft?
Sandra Mischke: Rückbaubarkeit war eine zentrale Anforderung der Baudirektion. Deshalb wurde bei der Entwicklung der Schulmodule grossen Wert auf diesen Aspekt gelegt, auch wenn dies Mehrkosten generiert. Die Modulgrössen sind zudem auf die Lastwagenflächen abgestimmt. Vier bis fünf Module ergeben ein Zimmer von ungefähr 70 Quadratmetern.
Modulart: Wo stösst der Schulmodulbau an Grenzen?
Sandra Mischke: Die Bauten haben keine Untergeschosse und brauchen wegen der Höhenbeschränkung genug Stellfläche. Innerstädtisch könnten wir, je nach Vorgabe der Bau- und Zonenordnung, zwar bis 25 Meter Höhe bauen. Doch aus feuerpolizeilichen Gründen ist der Modulbau auf drei Geschosse beschränkt, respektive ab einem vierten Geschoss hätte man sehr hohe Zusatzkosten. Auch Räume mit grossen Spannweiten, etwa eine Aula, sind schwierig. Dafür kann man die Module ganz unterschiedlich kombinieren, wie ein Puzzle.
Modulart: Inzwischen haben einige Kantonsschulen auch temporäre Sporthallen. Wieso braucht es diese?
Sandra Mischke: Die ersten temporären Sporthallen haben wir für die Kantonsschulen Freudenberg und Enge sowie die Kantonsschule Zürich Nord auf dem Irchel entwickelt. In den Kantonsschulen Freudenberg und Enge haben wir immer mehr Schülerinnen und Schüler, sodass die bestehenden Sporthallen nicht mehr ausreichten. Da aber bald eine Gesamtinstandsetzung der Schulen ansteht, war es nicht der richtige Zeitpunkt für einen definitiven Erweiterungsbau. Die provisorischen Sporthallen sind ebenfalls auf eine Lebensdauer von 30 Jahren ausgerichtet. Für den Standort Zürich-Enge waren sie für eine Standzeit von rund 10 Jahren geplant, jene der Kantonsschule Zürich Nord auf dem Irchel könnte später die Universität weiternutzen.
Peter Störchli: Auch die Bewilligungsfähigkeit ist bei provisorischen Bauten einfacher. Bei der Kantonsschule Enge darf die Sporthalle, weil sie nur für eine temporäre Nutzung vorgesehen ist, beispielsweise auf dem Sportplatz stehen.
Modulart: Wo sehen Sie heute die grössten Herausforderungen bei neuen Schulbauten?
Sandra Mischke: Eine Herausforderung, die stets bleibt: Wir wissen nicht, wie man in 20 Jahren unterrichtet. Heute würde man beispielsweise mehr grosse Selbstlernräume und Lernlandschaften einplanen. Wenn wir heute etwas bestellen, ist es aber erst in zehn Jahren fertig. Und ist zehn weitere Jahre später das heute bestellte Konzept noch gefragt?
Peter Störchli: Unser Problem sind aber eigentlich nicht die Neubauten, sondern die denkmalgeschützten Bestandesbauten. Da stossen wir an Grenzen. Im Idealfall sind Klassenzimmer mindestens 70 Quadratmeter gross. Wenn sie aber im Denkmalbau nur 60 Quadratmeter messen, können wir nichts machen. Alte Schulhäuser haben meist auch grosse Verkehrsflächen. In einigen Häusern konnten wir zusätzliche Treppen einbauen, damit Teile der Verkehrsflächen für schulische Zwecke genutzt werden können.
Modulart: In welchem Verhältnis stehen denn in der Sekundarschule II die Bestandesbauten und die neueren Schulmodulbauten?
Peter Störchli: Wir haben 40 bestehende Schulanlagen und aktuell drei Holzmodulbauten: in Uetikon, Aussersihl und Dübendorf. 2028 kommt mit Affoltern am Albis ein vierter Standort dazu.
Modulart: Wenn Sie eine Empfehlung an Gemeinden abgeben könnten: Welche Weichen müssen heute gestellt werden, damit ihre Schulbauten auch in 30 oder 40 Jahren noch funktionieren?
Peter Störchli: Die Prognose bezüglich Zusatzbedarf geht aktuell zurück.
Sandra Mischke: Deshalb ist das Wichtigste die Flexibilität. Da gilt es auch abzuwägen, wie viel Flexibilität wollen wir finanzieren. Und wie kann man die Bauten anders nutzen, wenn sie nicht mehr als Schulraum gebraucht werden.
Projektdaten
Provisorium Kantonsschule Stadelhofen, Filiale Empa Dübendorf, 2026
Empa-Areal, Dübendorf
Bauherrschaft: Kanton Zürich, vertreten durch das Hochbauamt der Baudirektion
Architektur Schulbauten: Bauart Architekten und Planer AG, Zürich
Architektur Sportbauten: Pool Architekten, Zürich
Totalunternehmer: Blumer Lehmann AG, Gossau SG
Baukosten (BKP 0–9): Fr. 58 Mio. inkl. Reserve (Kostenschätzung, Stand 2023)
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