Der Frage, wie mit dem Bestand der Nachkriegsmoderne umzugehen ist, widmen sich gleich zwei neuere Publikationen. Im Zentrum der Diskussion stehen auch Grosswohnsiedlung aus jener Zeit, da sie einen beträchtlichen Teil des europäischen Wohnungsbestandes ausmachen.
Ein Abriss und Neubau von Grosswohnsiedlungen sei keine Lösung, schreibt Andreas Hild im Vorwort von «Wohnen weiterbauen». «Dies würde zu einer kaum vorstellbaren Vernichtung grauer Energie, zu massivem Ressourcenverbrauch, einer immensen Müllproduktion und zusätzlicher Flächenversiegelung führen», so der Architekt und Professor an der TU München. Die Lösung könne somit nur im Bestand liegen, der weiterentwickelt werden müsse.
Der Frage, wie das funktionieren soll, widmet sich das Forschungsprojekt «Wohnen weiterbauen», eine Zusammenarbeit der TU München und der Ostbayerischen Technische Hochschule Regensburg (OTH). Die 2025 erschienene Publikation zeigt am Beispiel eines konkreten Wohngebäudes in der Grosswohnsiedlung München-Neuperlach auf, wie der Bestand sozial verträglich und ökologisch für die Zukunft entwickelt werden kann.
Bewohnbare Dämmung
Für das neungeschossige Wohnhaus mit 18 Wohnungen entwickelten die Autorinnen und Forscher basierend auf der Bestandsanalyse einen Katalog mit acht möglichen Massnahmen. Er reicht von M1 (Minimalsanierung) über M3 (Pufferzone) bis zu M8 (Anbau Treppenhaus). Die Grundidee der Pufferzone ist eine räumliche Ergänzung, die zeitgleich als thermischer Puffer dient. Wird diese Massnahme umgesetzt, könnten weitere Massnahmen wie Raumerweiterungen, die Verlegung von Küche und Bad sowie die Zusammenlegung von Räumen erfolgen.
Allen vermeintlichen Hindernissen zum Trotz: Die Lösung kann nur im Bestand liegen.
Andreas Hild
Die Autorinnen und Autoren schliessen aus ihrer Forschung, dass eine «bewohnbare Dämmung» die Handlungsoption bei Sanierungen von Grosswohnsiedlungen sinnvoll erweitert.
Auch in «Reallabor Nachkriegsmoderne» erklingt der Appell an Architektinnen und Bauherren, «das bereits Gebaute als Ressource für Zukünftiges einzusetzen». Die 2023 erschienene Publikation stellt die Arbeitsergebnisse des DFG-Netzwerks Bauforschung Jüngere Baubestände 1945+ vor. Im Kapitel «Serie und Massstab» wird deutlich, wie wichtig Bauforschung ist, um die gebauten Strukturen zu verstehen und daraus konkrete Fragestellungen zum Seriellen und Typologischen der Nachkriegsjahre zu entwickeln. Andreas Müsseler, Architekt und Entwurfsprofessor an der OTH, macht sich etwa an die Erforschung des «genetischen» Codes von Baukonstruktionen im Massenwohnungsbau der DDR. Er erinnert an die Prämisse des Schweizer Architekts Bruno Reichlin, dass es neben der werkmonografischen Auseinandersetzung mit einem bestehenden Gebäude auch immer eine historische Aufarbeitung und eine Einordnung braucht, welche Rolle und Bedeutung das Bauwerk seit seiner Fertigstellung hatte. Auf die heutige Situation übertragen folgert Müsseler: «Unsere gebaute Umwelt muss […] weit über die technische Funktion als Rohstofflager als komplexes räumliches Gebilde verstanden werden […] Sie ist ein belebter Speicher für Geschichte und Geschichten – und Teil unserer Identität.»
Ein Fenster ist auch ein Ort
Die Systematik, um die räumlichen Qualitäten beispielsweise einer Fassade zu erfassen, lehnt er an die von US-Architekturtheoretiker Christopher Alexander entwickelten räumlichen Muster an. Dieser schreibt beispielsweise zum Strassenfenster: «Bau bei Gebäuden entlang belebter Strassen Fenster mit Sitzen zur Strasse, wo man hinausschauen kann.» Ein Fenster ist nicht nur ein Bauteil, sondern vor allem auch ein Ort. «Ein Ort des Lichts, der wehenden Vorhänge, der Blumen, der Düfte, der Kommunikation zwischen dem Drinnen und dem Draussen und somit zuallererst ein räumliches Ereignis», folgert Müsseler. Unter den in der Publikation vorgestellten Fallstudien befindet sich auch ein Beitrag der Denkmalforscherinnen Sabine Weigl und Gundula Lang. Für die im brutalistischen Stil erstellte Terrassenhaussiedlung in Graz-St. Peter entwickelten sie denkmalpflegerische Leitlinien, die sich an Bewohnerinnen und Eigentümer richten, sowie einen Denkmalpflegeplan für Fachpersonen. Denn: Treffen gesellschaftliche Kritik – wie sie Bauten des Brutalismus häufig erfahren – und eine schlechte Energiebilanz aufeinander, ist es Aufgabe der Denkmalpflege, Vermittlungsarbeit zu leisten.
Bibliographie
Andreas Hild, Andreas Müsseler (Hrsg.), «Wohnen weiterbauen. Grosswohnsiedlungen in die Zukunft bringen», Gebrüder Mann Verlag, Berlin 2025, ca. Fr. 82.–
Olaf Gisbertz et al., «Reallabor Nachkriegsmoderne. Zum Umgang mit jüngeren Denkmälern», Jovis Verlag, Berlin 2023, ca. Fr. 52.–
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