Uli Amos ist Architektin und Geschäftsführerin der Wohnungsgenossenschaft Equilibre in Genf. Sie leitete das Bauprojekt für drei Gebäude im Ökoquartier Les Vergers in Meyrin. Im Interview erzählt sie uns, welche Vorteile es hat, Modularität, Dauerhaftigkeit und Solidarität miteinander zu verbinden.

Bilder: LMechkat (1) & Johannes Marburg (2-6)

Die Wohnungsgenossenschaft Equilibre feierte 2025 ihr 20-jähriges Bestehen. Wie viele Gebäude und wie viele Wohnungen verwaltet sie heute? Wie viele Projekte sind für die nächsten zehn Jahre geplant?
Uli Amos (UA): Wir verfügen heute über fünf Gebäude an drei verschiedenen Standorten im Kanton Genf mit insgesamt 116 Wohnungen. Die drei vor etwa zehn Jahren in Les Vergers in Meyrin errichteten Gebäude umfassen 65 Wohnungen. In den nächsten zehn Jahren möchten wir unseren Bestand gerne verdoppeln oder sogar verdreifachen. Zwei Projekte mit rund fünfzig Wohnungen befinden sich derzeit im Bau; eine dritte Baustelle kommt demnächst dazu, und ein Projekt mit fünfzig Wohnungen ist vorerst noch durch Einsprüche blockiert. Wir hoffen, ab 2030 weitere Grossprojekte starten zu können, mit mehr Wohnungen pro Gebäude als in der Vergangenheit.

Die Genossenschaft Equilibre hat grosse Pläne. Was zeichnet sie besonders aus?
UA: Equilibre ist eine partizipative Genossenschaft, bei der die künftigen Bewohnenden von Projektbeginn an miteinbezogen werden, um Entscheidungen sowohl zum Bau als auch zum Zusammenleben zu treffen. Wir engagieren uns sehr für ökologisches Bauen. Wir bevorzugen den Einsatz von kohlenstoffarmen Baumaterialien wie Holz und versuchen jeglichen Betonverbrauch zu reduzieren, indem wir nach Möglichkeit auf den Bau von Untergeschossen verzichten. Zudem experimentieren wir beispielsweise mit Wasseraufbereitungssystemen und Trockentoiletten, die Urin und Fäkalien trennen, wie etwa in Soubeyran, wo wir sogar unsere eigene Kläranlage eingerichtet haben: Würmer verwandeln Fäkalien in Humus, und das Abwasser wird gefiltert; beides wird in den Dachgärten wiederverwendet. Unsere Bewohnerinnen und Bewohner müssen zwar auf die Nutzung privater Kraftfahrzeuge verzichten, aber wir bieten ein Carsharing-System an, das wir selbst entwickelt haben. Jedes neue Bauvorhaben wird ausserdem von einem Ernährungsprojekt begleitet, in Zusammenarbeit mit Vereinen oder lokalen Landwirten.

Die Flexibilität und die Möglichkeit zur späten Anpassung unserer Gebäude sind für die Genossenschaft Equilibre von grosser Bedeutung.

Kommen wir zur Frage der Wohnungsknappheit. Die Wohnfläche pro Einwohner hat in den letzten Jahren stetig zugenommen hat, und es werden immer mehr 4- und 5-Zimmer-Wohnungen von nur einer Person bewohnt. Welche Regeln hat die Genossenschaft Equilibre festgelegt, um eine angemessene Belegungsdichte der bebauten Flächen zu gewährleisten?
UA: Um die Anzahl der Quadratmeter privater Wohnfläche pro Einwohner zu reduzieren und somit eine angemessene Dichte zu gewährleisten, stützen wir uns auf zwei Grundsätze. Da ist zunächst die N+2-Regel. Diese ist unter Wohnbaugenossenschaften recht verbreitet und besagt, dass die maximale Zimmeranzahl für einen Haushalt der Anzahl der Personen plus zwei entspricht, wobei im Kanton Genf die Küche als ein Zimmer zählt. Eine vierköpfige Familie kann also maximal eine 6-Zimmer-Wohnung bewohnen. Sobald die Kinder ausziehen, müssen die Eltern in eine Wohnung mit maximal 4 Zimmern umziehen. Das ist weniger umständlich als es klingt, denn die Genossenschaft hilft Bewohnerinnen und Bewohnern, eine neue Wohnung in ihren Gebäuden zu finden. Oft haben diese die Herausforderung der Belegungsquoten verinnerlicht und planen vorausschauend, indem sie sich mit ihren Nachbarn absprechen. Dank dieser Mietmobilität sind unsere Wohnungen so gut wie nie unterbelegt.

Das zweite Prinzip besteht darin, die private Wohnfläche pro Wohnung so weit wie möglich zu begrenzen, indem eine Vielzahl an Gemeinschaftsräumen angeboten wird: Werkstätten, Büros, Ateliers, eine Bar, ein grosser Gemeinschaftsraum für Feste und andere Veranstaltungen. Diese Gemeinschaftsflächen, die den Bewohnenden kostenlos zur Verfügung stehen, werden sehr geschätzt und tragen zum sozialen Austausch und zum guten Zusammenleben bei. Durch die gemeinsame Nutzung von Räumen lässt sich die private Wohnfläche pro Person reduzieren: In Les Vergers beispielsweise liegen wir bei etwa 30 Quadratmeter pro Person, Gemeinschaftsräume inbegriffen, statt bei den 45 Quadratmeter wie im Schweizer Durchschnitt.

Das Tragwerksystem der Gebäude ermöglicht die Schaffung grosszügiger Flächen ohne Zwischenstützen zwischen dem zentralen Kern und den Fassaden. Dies bietet eine hohe Anpassungsfähigkeit der Wohnformen.

Welche konkreten Massnahmen und Partnerschaften etabliert die Genossenschaft, um das Angebot an bezahlbarem Wohnraum zu erweitern?
UA: Wie jede als gemeinnützig anerkannte Wohnbaugenossenschaft vermieten wir unsere Wohnungen zum Selbstkostenpreis, also ohne Immobilienspekulation. Das führt dazu, dass unsere Mieten im Laufe der Zeit im Durchschnitt 20 bis 30 Prozent günstiger sind als auf dem Renditeimmobilienmarkt. Dies ist möglich, weil wir von Bundeshilfen (Fonds de Roulement FdR, Emissionszentrale EGW) sowie von kantonalen und kommunalen Beihilfen für den Bau von gemeinnützigen Wohnungen profitieren. Doch trotz dieser Hilfen ist es schwierig, im Kanton Genf Grundstücke zu angemessenen Preisen zu erwerben. Die Konkurrenz ist zu gross. Als Mitglied des Verbandes der Genfer Wohnbaugenossenschaften profitieren wir glücklicherweise von den Erwerbsbemühungen der FPLC, einer staatlichen Einrichtung, die Grundstücke kauft, um sie anschliessend Wohnbaugenossenschaften und Stiftungen mithilfe eines sogenannten Oberflächenrechts zur Verfügung zu stellen: Anstatt den Grundstückspreis auf einmal entrichten zu müssen, wird eine Abgabe über mehrere Jahrzehnte hinweg bezahlt. 

Werfen wir einen Blick auf die Architektur. Welche Konstruktionen und Wohnungstypologien favorisiert die Genossenschaft, um die Kosten zu senken und die Bauzeit zu verkürzen? 
UA: Wir setzen auf einfache Grundrisse und die Vorfertigung von Bauteilen. In Les Vergers gibt es ziemlich viele Holz-Beton-Fertigteile. Die vorgefertigten, selbsttragenden Fassaden bestehen aus einem Betonriegel und Stützen aus Brettschichtholz, zwischen denen Holzständer mit Zellulose-Einblasdämmung und aussenliegender Holzfaserdämmung eingesetzt wurden. Diese Elemente montierten die Zimmerleute vollständig in der Werkstatt, einschliesslich der Betonriegel, die für einen angemessenen Schallschutz und Feuerbeständigkeit sorgen. Die Wände und Decken der Technikkerne bestehen aus Beton. Aus ökologischen und ästhetischen Gründen haben wir die Holz-Beton-Verbunddecken in allen Wohnungen sichtbar belassen.

Montage der vorgefertigten Fassadenelemente.

Bild: LBL association d’architectes

Die Balkone sind schon etwas ganz Besonderes.
UA: Ihre konstruktive Gestaltung erinnert an Verbundplatten. Ein vorgefertigter Rahmen aus Lärchenholz trägt die Betonbalkonplatten, die den Brandschutz erfüllen. Sie sind alle etwa 13 Quadratmeter gross und thermisch getrennt, um Wärmeverluste zu begrenzen.

Bilder: Johannes Marburg & LBL association d’architectes

Die Bauten in Les Vergers sind zudem so konzipiert, dass sie sich im Laufe der Zeit problemlos weiterentwickeln und an mögliche neue Nutzungen anpassen lassen.
UA: Ja, die Flexibilität und die Anpassungsfähigkeit unserer Gebäude sind für die Genossenschaft Equilibre von grosser Bedeutung. Das Tragwerksystem der Gebäude ermöglicht die Schaffung grosser Flächen ohne Zwischenstützen zwischen dem zentralen Kern und den Fassaden. Diese Flächen sind durch nichttragende Trennwände unterteilt, die versetzt, hinzugefügt oder entfernt werden können. Die Anordnung der Stockwerke ermöglicht zudem eine grosse Vielfalt an Wohnungstypen, die vom Studio bis zu 10-Zimmer-Wohnungen reichen.

Auch die Toiletten sind sehr ungewöhnlich.
UA: Ja, einige davon sind sogenannte Trockentoiletten, bei denen Urin und Fäkalien (die kompostiert werden) getrennt werden. In jedem Fall sind unsere Badezimmer barrierefrei gestaltet, und eine vertikale Anordnung der Versorgungsleitungen ermöglicht es, bei Bedarf die Innenräume anzupassen und grössere Wohnungen zu schaffen, ohne die Struktur oder die Verteilung der Installationen zu verändern.

Können modulare Bauweisen und Vorfertigung dazu beitragen, den Wohnungsmangel zu beheben?
UA: Indem sie die Bauzeit verkürzen und somit ein schnelleres Bauen ermöglichen: Ja, ein wenig. Und da Schweizer Holzbauunternehmen innovativ sind und Holz ein zunehmend beliebter, kohlenstoffarmer Baustoff ist, hat die Modulbauweise zweifellos eine vielversprechende Zukunft vor sich. Heute kann man sogar Aufzugsschächte aus Holz bauen. Das modulare Bauen ermöglicht es zudem, Gebäude leichter ab- und wieder aufzubauen, wodurch graue Energie eingespart wird: ein weiterer, nicht zu vernachlässigender Vorteil dieser Bauweise.

Adaptierbarkeit des Grundrisses an die einzelnen Stockwerke.

Grundrisspläne.

Pläne: LBL association d’architectes

Ganze Grundrisspläne als PDF.

Uli Amos.

Bild: PC

Zur Person

Uli Amos ist Architektin, Partnerin im Büro Amsoarchitectes in Genf und Projektleiterin bei der Baugenossenschaft Equilibre. Sie hat das Projekt «Les Vergers» seit der Vorbereitung der Wettbewerbsphase als Bauherrenvertreterin betreut und wohnt seit 8 Jahren selbst in der Siedlung.

Projektinformationen

Les Vergers, Meyrin, 2018
Maître d’ouvrage: Wohnbaugenossenschaft Equilibre
Architektur: LBL Architektenbüro (Daniela Liengme und Baillif-Loponte Architekten)
Anzahl Gebäude: 3
Fläche: Bruttogeschossfläche 7598 m² (davon 6917 m² Wohnfläche)
Programm: Wohnungen, Gemeinschaftsräume, Gewerbeflächen (unteres und oberes Erdgeschoss)
Labels & Zertifizierungen: Minergie A
Weitere Informationen zu Equilibre: https://www.cooperative-equilibre.ch/

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