Modulare Schulbauten für abgelegene, wenig entwickelte Regionen scheinen auf den ersten Blick Sinn zu machen. Der Frage, warum es trotzdem wenig gelungene Beispiele gibt, geht dieser Bericht nach.

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Lokale Referenzen als Inspirationsquelle.

Bild: Valentino Gareri

Eignet sich der modulare Schulbau auch für abgelegene Gebiete im globalen Süden? Eigentlich stellten wir diese Frage zu Beginn unserer Recherche rein rhetorisch. Per Lastwagen angelieferte, vor Ort einfach aufbaubare Schulmodule machen es beispielsweise unnötig, Material oder Baumaschinen über weite Distanzen hin- und herzutransportieren.

Lokale Materialien, offene Typologien und Low-Tec vor Ort statt vorfabriziertes High-Tec prägen das Bild.

Als sich aber die Suche nach guten modularen Beispielen harzig gestaltete, mussten wir die Fragestellung nochmals überdenken. Viele gelungene Schulbauten, etwa das Lycée Schorge in Koudougou, Burkina Faso, von Keré Architecture, bestehen zwar aus identischen, aneinandergereihten Raumeinheiten, die aber nicht per se modular gebaut sind. Lokale Materialien wie Lehm, Laterit oder Stroh, offene Typologien für eine gute Luftzirkulation und Low-Tec vor Ort statt vorfabriziertes High-Tec prägen das Bild.

Dennoch scheint es eine gewisse Nachfrage nach modularen Schulbauten zu geben: Die Bildungskampagnen vieler afrikanischer Staaten machen es notwendig, dass in nützlicher Frist neue Gebäude entstehen. So finden sich etwa in der Subsahara-Region nicht wenige Anbieter von modularen Schulräumen, die aber meist wenig Wert auf Nachhaltigkeit oder architektonische Qualität legen. Wie hastig aufgebaute Truppenunterkünfte stehen sie trostlos und öde in der Landschaft. Die modularen Kisten ab Stange sind weder auf den jeweiligen kulturellen Kontext oder das Klima abgestimmt oder anpassbar.

Visualisierungen und Schemen: ID+IM Design Laboratory

Modular und flexibel

Mehr Flexibilität bietet die mit dem Reddot Award ausgezeichnete Boxchool, die das ID + IM Design Laboratory aus Südkorea entwickelt hat. Grundeinheit des modularen Designs ist ein Standard-Schiffcontainer, in dessen Innern auch gleich die Erweiterungselemente transportiert werden. Die Kiste ist auch für andere Nutzungen, etwa ein Gemeinschaftszentrum oder ein Bürogebäude, gedacht. Für ein Schulzimmer für 24 Kinder verbinden die Designer zwei parallel, aber separat stehende Container mit Metallrahmen, Boden-, Wand- und Dachplatten zu einem Gebäude. Eine Seite des Sheddachs über der Raummitte ist verglast und bringt natürliches Licht in den Raum. Die daran angrenzende Dachplatte des einen Containers verläuft leicht schräg nach innen, damit das Regenwasser via Filter in die Tanks neben dem Gebäude fliessen kann. Auf der anderen Dachhälfte produzieren 14 Photovoltaik-Panele 4760 Wattstunden Strom pro Tag. Das reicht, um die technischen Geräte im Schulzimmer während rund sechs Stunden zu versorgen. Dank einer Entlüftung im Dach kann heisse, feuchte Luft abfliessen, frische Luft durch die Fensterflügel auf beiden Seiten des Gebäudes zirkulieren. In Puente Piedra, Peru, beherbergt etwa eine Boxchool seit 2018 die Laborräume des Colegio 2081 Perù Suiza.

Kontext ergänzen, nicht dagegen antreten

Modular und trotzdem explizit an die lokalen klimatischen und kulturellen Gegebenheiten angepasst ist der Entwurf für eine Schule für die Region Afrika südlich der Sahara von Valentino Gareri. Als der italienische Architekt las, dass 60 Prozent der 15- bis 17-Jährigen Subsahari wegen mangelnder Bauten nicht zur Schule gehen, überlegte er sich, ob und was er dagegen tun könnte. Mit seinem modularen Entwurf wollte er, in enger Anlehnung an die lokale Tradition und Kunst, etwas Neues zu schaffen. «Not competing, but completing the context.» Die Modularität der Bauten sei entscheidend, so Gareri, denn: «Modulares Bauen kann die Baukosten tief und die Erstellungszeit kurz halten.»

Die 44 Quadratmeter grossen Module sind als Klassenzimmer für gut 25 Kinder konzipiert, auch ein kleines Lagerräumchen findet noch darin Platz. Zusammen mit zwei auf dem Kopf stehenden Pyramiden bildet das Modul einen Cluster. Auf den Dachflächen der umgedrehten Pyramiden sorgen Grünpflanzen für Sonnenschutz und natürliche Kühlung, unter der Pflanzenkiste fängt ein 1-Kubikmeter-Tank das Regenwasser auf, und an der Tragstruktur befestigte Photovoltaik-Panele liefern den nötigen Strom für den Schulbetrieb.

Schema des Nachhaltigkeitskonzepts.

Bild: Valentino Gareri

Die Dreiecksform, die Bezug auf lokale Ornamente nimmt, ist auch deshalb geeignet, weil sie Schattenräume ausbildet und trotzdem ausreichend natürliches Licht einfallen lässt. Mehrere solche Cluster sollen um einen Innenhof gestellt werden, damit die Kinder in den Pausen in einem geschützten Aussenraum spielen können.

«Praktische Poesie» nennt Gareri das Resultat seines Designprozesses. Zu hoffen ist, dass das gelungene Projekt dereinst «praktisch» umgesetzt wird und nicht nur papierene «Poesie» bleibt.

Visualisierungen: Valentino Gareri

Schemen: Valentino Gareri

Projektinformationen

Boxchool, 2015
Modulare Container-Schule für abgelegene Regionen
Kunde: SK Telekom, Seoul, Südkorea
Design: ID+IM Design Laboratory, Seoul, Südkorea
Video: Boxchool auf Youtube

Modulare Schule für Afrika, 2019
Design: Valentino Gareri, New York und Sidney
www.valentinogareri.com

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