In einer schmalen Strasse im Norden von Paris steht ein Wohnbau, der eindrücklich zeigt, welcher Erfindungsreichtum in scheinbar einfachen Rahmenbedingungen stecken kann. Das Projekt «Tête en l’air» von KOZ Architectes entstand in einem dichten Block mit wenig Platz – und genau das wird zu seiner Stärke.

Bilder: Jean-Claude Pattacini

Zur Strasse hin bleibt das bestehende Wohnhaus erhalten und wurde erneuert. Dahinter, im langgezogenen Innenhof, entstand ein Neubau mit zusätzlichen Sozialwohnungen. Ein Gartenhof verbindet beide Teile: Er sorgt nicht nur für Tageslicht in den Wohnungen, sondern funktioniert auch als gemeinsamer Treffpunkt.

Ein überhoher Durchgang öffnet den Block zur Strasse hin. So wird aus dem abgeschlossenen Pariser Innenhof ein Raum, der sichtbar und zugänglich ist – ohne dass er seine Ruhe verliert.

Bauen als System
Der Neubau ist kein spektakulärer Einzelentwurf, sondern folgt vielmehr einer klaren Idee: Der Holzrahmenbau ist aus wiederkehrenden Elementen zusammengesetzt. Diese wurden weitgehend vorgefertigt und dann vor Ort montiert.

Besonders auffällig sind die vorspringenden «Boxen» an der Fassade. Sie erweitern die Wohnungen um zusätzliche Zimmer – mal als Arbeitsraum, mal als Rückzugsort. Obwohl sie alle auf dem gleichen Prinzip beruhen, entstehen unterschiedliche Situationen. Genau darin liegt der Reiz: Es entsteht ein System, das nicht monoton wirkt.

Die auskragenden «Boxen» wurden dabei als vollständig vorgefertigte Holzmodule konstruiert – im Prinzip kleine Holzrahmenkästen, die an die Hauptstruktur angedockt wurden. Konstruktiv war dies anspruchsvoll, weil die Elemente weit auskragen und gleichzeitig grosse seitliche Fensteröffnungen erhalten sollten. Statt sichtbarer Aussteifungen übernehmen LVL-Platten aus Furnierschichtholz die tragende Funktion: Sie wirken wie steife Schubscheiben und leiten die Zug- und Druckkräfte innerhalb der Module ab. Vereinfacht gesagt funktionieren die «Boxen» dadurch weniger wie angehängte Balkone, sondern eher wie torsionssteife Holz-Hohlkästen, die tief in die Hauptstruktur rückverankert sind.

Holz macht es möglich
Dass der Neubau in Holz ausgeführt wurde, passt gut zu diesem Ansatz. Holz lässt sich präzise vorfertigen, verkürzt somit die Bauzeit und ist vergleichsweise leicht. Was heute als selbstverständlich gilt, war aber zum Zeitpunkt der Planung in der Pariser Innenstadt aber noch eher die Ausnahme.

Tatsächlich war «Tête en l’air» eines der ersten mehrgeschossigen Wohngebäude in Paris, das vollständig in Holzbauweise realisiert wurde. Auch die Geschossdecken bestanden aus vorgefertigten LVL- beziehungsweise Kerto-Ripa-Kastenelementen, wodurch ein insgesamt leichter, aber gleichzeitig steifer Holzbau entstand.

Die enge Zufahrt als Schlüssel
Die spannendste Geschichte des Projekts ist nicht sichtbar: Die Zufahrt zum Innenhof ist eng – zu eng für grosse Bauteile oder schwere Lastwagen.

Das hatte direkte Folgen für die Planung: Alle Elemente mussten so dimensioniert werden, dass sie durch diese Passage passen. Die vorgefertigten Holzteile wurden ausserhalb der Stadt auf kleinere Fahrzeuge umgeladen und in Etappen angeliefert. Selbst die dafür nötige Strassensperrung konnte so auf wenige Stunden reduziert werden.

Was wie eine Einschränkung klingt, wurde zum Leitmotiv: Das gesamte Projekt ist so entwickelt, dass es «hindurchpasst». Modularität bedeutete hier also nicht nur Flexibilität im Entwurf, sondern ganz konkret Transportfähigkeit.

Mehr als nur effizient
Gerade im sozialen Wohnungsbau geht es oft um Wirtschaftlichkeit. «Tête en l’air» beweist, dass Effizienz und Wohnqualität kein Widerspruch sein müssen. Die klare Struktur sorgt für einfache Abläufe, während die «Boxen» den Wohnungen eine individuelle Note geben. Am Ende entsteht ein durchdachtes Stück Stadt: dicht, funktional und vielseitig nutzbar.

Dichte als Ausgangspunkt
Das Projekt nutzt die gegebenen Bedingungen konsequent aus – den Bestand, den engen Hof, die schwierige Erschliessung. Statt diese zu umgehen, werden sie zum Ausgangspunkt der Planung.

Ein gelungenes Beispiel dafür, dass sich mit einem klaren System und etwas Pragmatismus eine überraschend grosszügige Wohnqualität schaffen lässt.

Projektinformationen

«Tête en l’air», 2013
18. Arrondissement, Paris
Bauherrschaft: SIEMP
Architektur: KOZ Architectes
Fertigstellung: 2013
Typologie: Sozialer Wohnungsbau (Bestand und Neubau)
Konstruktion: Holzrahmenbau mit hohem Vorfertigungsgrad

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